Hummel
 

Dick und Dünn

Wie Diskriminierung funktioniert – am Beispiel eines Kinderbuchs

Anhand der Kindergeschichte Felix Fit und der Fürst der Faulheit möchte ich zeigen, wie dicke Kinder diskriminiert werden. Die Geschichte erschien 2005 im österreichischem novum Verlag. Verfasst wurde sie von Florian Simon Eiler, einem staatlich geprüften Diätassistenten, Ernährungsberater und Fitnesstrainer.

Im Wesentlichen wird in dem Buch einem dicken Kind mitgeteilt:

Iss gesünder und beweg dich mehr!

Das Buch ist zufällig ausgewählt. Ich weiß nicht, ob andere Kinderbücher zum gleichen Thema „schlechter“ oder „besser“ sind oder andere Verlage nicht auch ähnliche Bücher im Programm haben.

Zunächst einmal:

Was heißt „Diskriminierung“ überhaupt?

Das Wort „Diskriminierung“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wörtlich „trennen, absondern“.

Bei der Diskriminierung von Menschen wird eine Gruppe von Menschen abgesondert, um sie anders zu behandeln. Von „Diskriminierung“ wird meist nur gesprochen, wenn die Andersbehandlung mit Nachteilen verbunden ist. Es gibt jedoch auch Andersbehandlungen, die mit Vorteilen verbunden sind. Dazu zählt zum Beispiel, dass in unserer Gesellschaft von sehr jungen, sehr alten und von kranken Menschen niemand verlangt, Lohnarbeit zu leisten (bzw. sich arbeitslos zu melden).

Die meisten Diskriminierungen passieren wie von selbst. Kein Erwachsener würde etwa sagen:

So, es ist schon spät am Abend. Jetzt diskriminiere ich mal meine Kinder und schicke sie ins Bett!

Die Andersbehandlung von Kindern scheint sich unmittelbar daraus zu ergeben, dass Kinder Kinder sind. Weil ein Kind ein Kind ist, wird es eben anders behandelt. Ganz klar! Genau so klar durften früher zum Beispiel Bauern nicht in die Stadt ziehen: Weil ein Bauer ein Bauer ist, muss er auf der Scholle bleiben und für die Fürsten schuften. Ganz klar! Und etwas später: Weil eine Frau eine Frau ist, darf sie nicht die Regierung wählen. Ganz klar! Und heute: Weil dicke Menschen dick sind, stimmt mit ihnen etwas nicht. Ganz klar!

Eine Abschaffung von Diskriminierungen ist regelmäßig damit verbunden, dass diskriminierte Menschen sich beschweren. Eines Tages schließen sie sich zusammen und sagen:

Wir wollen nicht mehr diskriminiert werden! Wir finden das ungerecht!

Ist eine Diskriminierung erst einmal abgeschafft, wird die überwundene Andersbehandlung gewöhnlich nicht mehr mit den Eigenschaften der diskriminierten Menschen erklärt. So heißt es heute etwa: Bauern wurden diskriminiert, weil die Fürsten davon Vorteile hatten oder weil die technische Entwicklung nichts anderes zuließ oder weil ... . Frauen wurden deshalb diskriminiert, weil die Männer davon Vorteile hatten oder weil ... . Alle möglichen Erklärungen werden angebracht – nur nicht solche, nach denen Diskriminierte von sich aus schon Grund zu ihrer Diskriminierung gegeben hätten.

Wie wäre es, wenn dicke Kinder ebenso wie Bauern und Frauen nicht von sich aus schon Grund böten, diskriminiert zu werden?

Sollte Dicksein nicht von sich aus schon Grund zur Diskriminierung bieten, stellt sich die Frage: Weshalb sagt das Buch ausgerechnet einem dicken Kind:

Iss gesünder und beweg dich mehr!

– weshalb sagt es das nicht einem dünnen oder mittelmäßigen Kind – irgendeinem Kind eben, das sich ungesund ernährt und zu wenig bewegt?

In einer anderen Welt könnte das ein Zufall sein, was bedeuten würde: Das dicke Kind wird nicht deshalb anders behandelt, weil es dick ist, sondern weil es sich ungesund ernährt und zu wenig bewegt. Die Aufforderung, gesünder zu essen und sich mehr zu bewegen, wäre dann eine Reaktion auf das individuelle Verhalten des Kindes und nicht auf eine Eigenschaft, die das Kind womöglich hat, ohne etwas dafür zu können.

Zwei Kinder

Zwei Kinder sind in „Felix Fit und der Fürst der Faulheit“ die Hauptfiguren. Das eine Kind ist dick. Das andere Kind ist ein Kind, wie es nach Meinung vieler sein soll: es ernährt sich gesund und treibt viel Sport, wobei unterstellt wird, dass es deshalb eine mittelmäßige Körperfigur hat.

Dickes Kind und Sollkind sind Freunde. Im Rahmen dieser Freundschaft lässt sich das dicke Kind vom Sollkind folgende Dinge sagen:

Das Kinderbuch gibt den Beleidigungen des Sollkindes Recht, indem es das dicke Kind genau so schildert: jämmerlich, nimmer satt, verpennt, ängstlich. Dicksein wird als umfassender Seinszustand gezeichnet.

Anstatt sich zu behaupten, entkommt das dicke Kind den Beleidigungen und Belehrungen seines Freundes, indem es im Verlauf der Erzählung dessen Anschauungen übernimmt und sich ihm körperlich, geistig und gefühlsmäßig angleicht.

Eigenschaften und Verantwortung

Angenommen, das dicke Kind ist tatsächlich jämmerlich, nimmer satt, verpennt und ängstlich.
Folgt daraus, dass es diskriminiert werden darf?

Aus den Eigenschaften eines Menschen folgt grundsätzlich nicht, diesen Menschen anders zu behandeln.

Dass wir uns zum Beispiel vor heißem Öl in Acht nehmen, folgt nicht daraus, dass das Öl heiß ist. Es folgt daraus, dass das Öl für uns zu heiß ist. Das Inachtnehmen vor heißem Öl folgt aus einem Verhältnis zwischen dem, wie das Öl ist, und dem, wie wir sind. Nicht die einfachsten Vorgänge lassen sich aus Eigenschaften von Dingen erklären. Kein Ding etwa fällt auf die Erde, bloß weil es so ist wie es ist. Zum Fallen benötigt es die Erde, eine Masse, die es „anzieht“.

Kein dickes Kind wird mitleidig oder verächtlich angeschaut, bloß weil es dick ist. Damit ein dickes Kind mitleidig oder verächtlich angeschaut werden kann, braucht es einen Menschen, der oder die Mitleid oder Verachtung empfindet.

Erklärungen nach dem Muster „Weil diese Menschen so und so sind, ist ihre Andersbehandlung angebracht“ deuten darauf hin, dass etwas nicht stimmt. Diejenigen, die anders behandeln, machen sich mit solchen Erklärungen frei von Verantwortung, indem sie ihre Handlungen als Folgen von etwas ausgeben, das sie selbst nicht zu verantworten haben: als Folgen des Soseins derjenigen, die anders behandelt werden.

Handlungen sind aber nur dann Folgen von etwas, wenn sie erzwungen sind.

Niemand zwingt beispielsweise ÄrztInnen, dicke PatientInnen zu Diäten aufzufordern, bloß weil die PatientInnen dick sind. Scheitern PatientInnen, die bloß aufgrund ihres Dickseins zu Diäten aufgefordert werden, daran, durch Diäten dünner zu werden, wird ihnen die Verantwortung dafür gegeben – nicht etwa den ÄrztInnen, die zu ungeeigneten Maßnahmen aufgefordert haben. Eigentlich müssten ÄrztInnen, bevor sie zu Diäten auffordern, zunächst herausfinden, ob eine Diät erfolgreich sein kann und bei diesem speziellen Menschen angebracht wäre. Schlägt man Diäten vor, bloß weil ein Mensch dick ist, entfällt diese Anforderung und also auch die Verantwortung für die Unangebrachtheit der Diät-Aufforderung. Verantwortungsbewusste ÄrztInnen fordern nicht alle dicken PatientInnen zu Diäten oder zum Abnehmen überhaupt auf, sondern nur solche, von denen sie begründet annehmen können, dass ihnen mit solchen Aufforderungen geholfen ist.

In der Verantwortungslosigkeit muss kein böser Wille liegen.
Diskriminierungen, die als normal gelten, sind nur unter Anstrengungen als solche zu erkennen.
Ebenso anstrengend wäre es, etwa zu denken:

Ich nehme mich vor heißem Öl in Acht – und zwar nicht nur, weil das Öl heiß ist, sondern auch, weil ich nicht aus Teflon bin.

So ein Gedanke ist unpraktisch. Praktisch genügt es durchaus zu denken: Ich nehme mich vor heißem Öl in Acht, weil das Öl heiß ist.

Nicht genügen würde so ein Gedanke auf einem Planeten mit Teflon-Wesen. Wer unter Teflon-Wesen lebt, müsste anhand der eigenen Beschaffenheit erklären, weshalb er oder sie sich vor heißem Öl in Acht nimmt.

Mehrheiten

Diskriminierungen haben regelmäßig mit Mehrheiten zu tun: eine Mehrheit diskriminiert eine Minderheit, spaltet sie von sich ab.

Dabei muss es sich nicht unbedingt um eine zahlenmäßige Mehrheit handeln. Je nach dem Einfluss der Gesundheitspropaganda könnte es geschehen, dass dicke Menschen diskriminiert werden, auch wenn dicke Menschen 80% der Bevölkerung ausmachen. „Mehrheit“ bedeutet in solchen Fällen: diejenigen, die bestimmen, was ein normaler Mensch ist.

Aber die wenigsten stellen sich hin und sagen:

So, jetzt bestimme ich mal, was ein normaler Mensch ist!

Die Mehrheit ist eine Idee, die als wahr zu betrachten sich die wenigsten jemals entschieden haben. Die Mehrheit repräsentiert das, wovon wir ausgehen, wenn wir nicht selber denken. Damit hängt es zusammen, dass wir eine Diskriminierung häufig erst unterlassen können, nachdem wir wissen, wie sie funktioniert.

Heute muss ein normaler Mensch eine mittelmäßige Körperfigur haben. Mit nicht-mittelmäßig bekörperten Menschen stimmt etwas nicht. Ist doch klar! Deshalb schreiben Diätassistenten Bücher zur Belehrung dicker Kinder. Sie haben es nicht nötig, sich zu fragen, ob vielleicht mit ihnen selbst etwas nicht stimmt. Sie denken, es gäbe nichts zu verantworten, da sich ihre Handlungen doch aus dem Dicksein dicker Kinder ergeben.

Minderheiten

Diskriminierte Menschengruppen, glauben viele, stehen ganz von alleine und ohne eigenes Zutun fest. Das ist aber nicht der Fall.

Beispielsweise lassen sich Menschen zwar nach ihren Augenfarben unterscheiden, aber wir bilden im Allgemeinen nicht anders zu behandelnde Gruppen der Grünäugigen, Blauäugigen oder Braunäugigen.

Anders ist es mit der Hautfarbe. So werden zum Beispiel dunkelhäutige ÖsterreicherInnen anders behandelt als hellhäutige ÖsterreicherInnen, indem sie häufiger nach Ausweispapieren oder ihrem „Herkunftsland“ gefragt werden. Diese Andersbehandlung ist so wenig eine Folge der Hautfarbe wie Andersbehandlungen eine Folge der Augenfarbe sind.

Wie dunkelhäutige Menschen auch haben dicke Menschen das Recht, von denen, die sie anders behandeln, eine Begründung für die Andersbehandlung zu verlangen. Reicht die Begründung nicht aus, können sie zumindestens eine Entschuldigung erwarten.

Begründungen

Gibt es eine Begründung dafür, dicke Kinder anders zu behandeln als mittelmäßige?

Ganz zu Anfang des Kinderbuches wird aus dem Mund des Sollkindes folgende Begründung gegeben:

Das Gewicht ist für deine Knochen und dein Herz nicht gut. Und dein Blut kann plötzlich ganz süß werden so wie Zucker, und dann müsstest du irgendwann sogar Medikamente dagegen einnehmen.

Das dicke Kind könnte erwidern:

Jedes Gewicht belastet die Knochen; jedes lebendige Leben belastet das Herz. Auch dein Blut kann plötzlich süß werden wie Zucker.

Aber das dicke Kind sagt das nicht. Es sagt stattdessen:

Gleich so schlimm? ... und reißt seine großen grünen Augen ganz weit auf.

Tatsächlich unterscheiden sich Sollkind und dickes Kind nicht durch Wahrscheinlichkeiten für Erkrankungsrisiken. Denn niemand weiß, ob ein bestimmtes dickes Kind wahrscheinlicher an Diabetes erkrankt als ein bestimmtes mittelmäßiges Kind. Die Wahrscheinlichkeitsberechnungen der Medizin beziehen sich auf Menschenmengen, nicht auf einzelne Menschen.

Die Begründung des Sollkindes wirkt glaubwürdig, weil es gar nicht um diese beiden bestimmten Kinder geht. Es geht stattdessen um dicke Kinder im Allgemeinen und um mittelmäßige Kinder im Allgemeinen. Das Sollkind spricht zwar zu einem speziellen Kind, doch meint es dieses spezielle Kind gar nicht. Es meint das Kind als dickes Kind. Und es spricht nicht als das spezielle Kind, das es ist, sondern als mittelmäßiges Kind. Beide Kinder verlieren in diesem Gesprächsteil ihre Individualität.

Individualität und Ent-Individualisierung

Der Verlust der Individualität wird verdeckt, indem das Sollkind allgemeine Aussagen als persönliche formuliert. Aus einer vermutlich begründeten Aussage: „Dicke Kinder haben ein höheres Diabetes-Risiko als mittelmäßige“ macht der Autor – vermutlich unbewusst: „Du hast ein höheres Diabetes-Risiko als ich, weil du dick bist und ich nicht.“

Unter Bedingungen, die relativ frei von Diskriminierungen sind, fiele so etwas sofort als Unsinn auf. Beispiel:

Jungen klauen im Allgemeinen öfters Zigaretten als Mädchen.
Du klaust öfters Zigaretten als ich, weil du ein Junge bist und ich ein Mädchen.

Diskriminierungen – auch solche, die Vorteile mit sich bringen – sind regelmäßig mit einer Ent-Individualisierung der diskriminierten Menschen verbunden.

Diskriminiert zu werden bedeutet, nicht mehr als Person wahrgenommen zu werden, sondern stattdessen als Exemplar einer Gruppe. Diejenigen, die diskriminieren, machen sich dabei selbst zu Exemplaren einer Gruppe, nämlich der Mehrheit.

Wie wird es möglich, dicke Kinder als Exemplare einer Gruppe anzusprechen?

„Dick“ funktioniert zunächst nicht anders wie „grünäugig“ oder „braunäugig“ auch: dicke Kinder lassen sich zwar von dünnen und mittelmäßigen Kindern unterscheiden, doch folgt daraus noch nicht, dass dicke Kinder eine Gruppe bilden, die anders zu behandeln wäre. Man muss erst einen Topf herstellen, in den man dicke Kinder werfen kann.

Das ist fast so schwierig wie bei „Grünäugigen“ oder „Braunäugigen“.

Außer „dick“ gibt es nämlich keine Merkmale, die man dicken Kindern zuordnen könnte, die mittelmäßige Kinder nicht auch haben könnten.

Man kann ungesund essen, ohne dick zu sein. Man kann sich zu wenig bewegen oder dauernd vor dem Computer hocken, ohne dick zu sein. Man kann krank werden, Herzprobleme oder Knochenprobleme oder Diabetes haben, ohne dick zu sein usw. Sogar mit dem Merkmal „zu viel essen“ klappt es nicht, dicke Kinder in einen gemeinsamen Topf zu werfen. Denn ein Kind kann sehrwohl dick sein, ohne zu viel zu essen, und sehrwohl dünn sein und dabei doppelt so viel essen wie andere.

Andersbehandlung

Im Unterschied zu „grünäugig“ oder „braunäugig“ ist „dick“ allerdings eine Eigenschaft, die ein Kind nicht haben soll.

Allen dicken Kindern ist demnach gemeinsam, dass sie dünner werden sollen. Dies fasst sie zu einer Gruppe zusammen und rechtfertigt ihre Andersbehandlung. – Anscheinend. Denn die Aussage, alle dicken Kinder sollten dünner werden, rechtfertigt nicht die Andersbehandlung dicker Kinder, sondern ist bereits ihre Andersbehandlung.

Schon immer wurden Andersbehandlungen mit anscheinend objektiven Argumenten begründet. Homosexualität galt zum Beispiel lange Zeit als Krankheit. TherapeutInnen versuchten, homosexuelle Jugendliche zu „heilen“ und erzeugten dadurch viel Leid.

Unabhängig davon, ob man Homosexualität für eine Krankheit hält oder nicht, darf niemand andere dazu nötigen, heterosexuell zu werden. Ebenso darf niemand andere dazu nötigen, dünner zu werden – ob Dicksein nun als Krankheit gilt oder nicht.

Die Geschichte Felix Fit und der Fürst der Faulheit nötigt dicke Kinder, indem sie ihnen Angst macht und ihnen mitteilt: „Werde dünner! Kein bester Freund sagt dann mehr mit Recht zu dir:

Der Nachweis, Dicksein sei ungesund, genügt nicht, um eine Andersbehandlung dicker Kinder zu rechtfertigen. Er genügt aber dazu, Behandlungsmöglichkeiten einzurichten, um dünner werden zu können.

Dies wäre dann ungefähr so wie eine Parodontose-Behandlung bei ZahnärztInnen. Man kann das machen oder bleiben lassen. Wer Parodontose-Behandlungen nicht durchführen lässt, kann Schwierigkeiten bekommen. Aber es wird (noch) recht wenig unternommen, um Menschen, die keine Parodontose-Behandlungen machen, in Schwierigkeiten zu bringen, die über die Folgen fehlender Parodontose-Behandlungen hinaus gingen. Solche Schwierigkeiten wären zum Beispiel: wer keine Parodontose-Behandlung macht, wird ausgeschimpft, gehänselt oder verachtet; wer keine Parodontose-Behandlung macht, bekommt später keine Ersatzzähne.

Hier fängt Diskriminierung an. So etwas lässt sich nicht medizinisch oder wissenschaftlich rechtfertigen.

Auch lässt es sich menschlich nicht rechtfertigen. Eine Nötigung zu Parodontose-Behandlungen schränkt das Selbstbestimmungsrecht der Menschen ein und missachtet ihre körperliche Integrität. Eine Nötigung zu Parodontose-Behandlungen ließe sich aber zum Beispiel wirtschaftlich rechtfertigen. Dazu wäre nachzuweisen, dass Menschen, die keine Parodontose-Pehandlungen machen, den Krankenkassen mehr Geld kosten als Menschen, die Parodontose-Behandlungen machen. Solche Rechtfertigungen beinhalten eine moralische Entscheidung: Das eingesparte Geld wird wichtiger genommen als das Selbstbestimmungsrecht der Menschen und die Achtung ihrer körperlichen Integrität. Auch diese Entscheidung wäre wieder zu rechtfertigen.

Nun gibt es einen Trick, mit dem sich dieser ganze Rechtfertigungsaufwand vermeiden lässt: Man macht die Menschen schlecht, deren Selbstbestimmungsrecht eingeschränkt und deren körperliche Inregrität missachtet werden soll.

Zusammenfassung von Merkmalen

Im Buch „Felix Fit und der Fürst der Faulheit“ werden dicke Menschen schlecht gemacht, indem Dicksein mit allen möglichen Merkmalen in Zusammenhang gebracht wird, die im Allgemeinen als schlecht bewertet werden. Dadurch denkt niemand mehr daran, dass dicke Kinder wie mittelmäßige auch ein Selbstbestimmungsrecht haben, das es zu schützen gilt, oder dass die körperliche Integrität dicker Kinder zu achten wäre wie die mittelmäßiger Kinder auch.

Zu Beginn der Erzählung von „Felix Fit und der Fürst der Faulheit“ erwirkt der Bürgermeister einer Stadt namens Fithausen folgenden Zustand:

Diese Zusammenstellung verschiedener Dinge fasst das Buch zu einer Einheit zusammen: räumlich im Städchen Fithausen und ursprungsmäßig im Willen einer einzigen Person, des Bürgermeisters.

Gegen den Zustand in Fithausen ziehen zwei Kinder zu Felde, die Hauptfiguren der Erzählung. Die Kinder kämpfen gegen etwas. Dieses Etwas, gegen das sie kämpfen, erscheint eben deshalb, weil sie dagegen kämpfen, als zusammen gehörend.

Der Bürgermeister, der den schlimmen Zustand in Fithausen herbeiführt, wird so beschrieben:

Hier wiederholt sich die Zusammenfassung verschiedener Dinge zu einer Einheit im Kleinen.

In der Person des Bürgermeisters sind folgende Merkmale zusammengefasst: „böse“, „faul“, „eklig“, „fett“.

Zunächst könnte das ein Zufall sein, denn der Bürgermeister könnte genau so gut folgende Merkmale haben: „böse“, „faul“, „gutaussehend“, „schlank“.
Oder auch: „böse“, „faul“, „gutaussehend“, „fett“.

Aber das Buch sorgt dafür, dass das nicht sein kann. Auf allen Ebenen stellt es zum Beispiel eine Verknüpfung von „dick“ und „faul“ her – nicht nur beim Bürgermeister, sondern auch bei den Menschen in Fithausen und beim dicken Kind.

Gut und schlecht

Allgemein entstehen Zusammengehörigkeiten verschiedener Dinge, wenn man die Welt in Gut und Schlecht malt und dabei keine Zwischentöne zulässt.

In einer Gut/Schlecht-Welt kann etwas entweder nur gut oder nur schlecht sein, aber nichts dazwischen und auch nicht manchmal gut und manchmal schlecht. Alle guten Dinge gehören zusammen. Alle schlechten Dinge gehören zusammen.

Dicksein ist in einer Gut/Schlecht -Welt entweder gut oder schlecht. Faulheit ist in einer Gut/Schlecht-Welt entweder gut oder schlecht. So kommen Dicksein und Faulheit zusammen, weil beide je für sich als schlecht bewertet werden. Ein innerer Zusammenhang zwischen Dicksein und Faulheit muss nicht nachgewiesen werden.

Diskriminations-Töpfe entstehen in Gut/Schlecht-Welten wie von selbst. Man konzentriert sich auf „dick“, erklärt es als schlecht – und schwupp! alles Schlechte gesellt sich automatisch hinzu. Deshalb muss der Autor des Kinderbuches zum Beispiel gar nicht erst erklären, weshalb der Bürgermeister fett ist. Er ist fett, weil er Sport verbietet. Nur fette Menschen kommen nämlich auf die Idee, Sport zu verbieten.

Die Welt in Gut und Schlecht zu malen, gilt als dem „kindlichen Gemüt“ angemessen.

Doch kennt das „kindliche Gemüt“ Zauber und Verwandlung. In einer Welt mit Zauber und Verwandlung kann plötzlich alles anders sein. Ein Frosch kann ein verzauberter Prinz sein, ein hässliches Entlein ein Schwan, ein Zwerg kann einen Riesen besiegen. Sobald Zauber und Verwandlung nicht mehr da sind, beginnen Gut/Schlecht-Welten zu versteinern. Der Frosch bleibt Frosch, das hässliche Entlein wird zur hässlichen Ente, der Zwerg kriegt keine Chance.

Der Diskriminations-Topf

Der Autor der Kindergeschichte entwirft mit seiner Geschichte einen Topf, um Kinder hineinzuwerfen.

In den „Dick“-Topf kommen Kinder dann, wenn sie dick sind – nicht etwa nur dann, wenn sie zugleich dick und faul und böse und eklig sind und Computerspiele lieben und und und . Dies ist ein Effekt der Gut/Schlecht-Welt.

Damit aber die Kinder nicht nach Lust und Laune aus den Töpfen hüpfen, bloß, weil ihnen die Diskriminierung nicht gefällt, muss man sie an die Töpfe binden.

Dicksein ist – wie andere körperliche Eigenschaften auch – eine relativ starke Topfbindung.
Um aus dem „Dick“-Topf zu kommen, den der Autor des Kinderbuches aus „faul“, „böse“, „eklig“, „Computerspiel“, „krank“, „ohne eigenen Verstand“ usw. geschmolzen hat, muss man dünner werden, was ziemlich anstrengend ist.

Doch während es genügt, dick zu sein, um in den „Dick“-Topf zu kommen, genügt es nicht, dünner zu werden, um wieder heraus zu kommen.

Würde es genügen, dünner zu werden, um aus dem Topf zu kommen, so verlöre der ganze Topf seine Tauglichkeit zur Diskriminierung. Man könnte dann nämlich mittelmäßig oder dünn sein und zugleich faul usw. Am Ende stünde Dicksein für sich alleine da und wäre nichts anderes als eben Dicksein – so wie Blauäugigsein Blauäugigsein ist oder Parodontose-Bhandlungen-Nichtmachen Parodontose-Bhandlungen-Nichtmachen ist. Gerade dies ist bei Diskriminierungen nicht erwünscht. Deshalb ist es für das Kinderbuch wichtig, Dicksein als umfassenden Seinszustand zu zeichnen.

Damit eine Diskriminierung funktioniert, muss eine Verbindung hergestellt werden zwischen mehr oder weniger allem, woraus der Diskriminierungs-Topf geschmolzen ist, und den einzelnen Menschen, die in den Topf geworfen werden.

Ein Beispiel soll das verdeutlichen:

Wir setzen ein Mädchen, das einen Ausbildungsplatz sucht, aus dem Topf „Realschüler“ in den Topf „Hauptschüler“ und schon hat das Mädchen schlechtere Chancen, einen Ausbildungsplatz zu finden – ob das Mädchen nun Integralrechnung und drei Sprachen beherrscht oder nicht. Denn danach, was das Mädchen tatsächlich kann, wird bei den Auswahlverfahren häufig gar nicht erst gefragt. Um nun zu bewirken, dass die unterschiedliche Behandlung von Real- und HauptschülerInnen bei der Ausbildungsplatz-Vergabe als gerechtfertigt erscheint, kann man z.B. behaupten:

Hätte ein Mädchen für den Ausbildungsplatz ausreichende Fähigkeiten, so wäre es keine Hauptschülerin, sondern Realschülerin.

Durch diese Behauptung wird die Topfzugehörigkeit in die Eigenschaft der Mädchen verwandelt. Diese Eigenschaft, die ungenügende oder ausreichende Befähigung, bleibt beim Umsetzen der Mädchen vom einen in den anderen Schulabschluss-Topf an den Mädchen haften. Dadurch sieht es so aus, als hätte die ungleiche Behandlung bei der Ausbildungsplatz-Vergabe etwas mit den Mädchen persönlich zu tun und nicht bloß damit, dass das Schulsystem Mädchen in unterschiedliche Töpfe wirft.

Um zu bewirken, dass die Andersbehandlung dicker Kinder etwas mit den Kindern persönlich zu tun hat, muss man Ähnliches tun. Zum Beispiel muss allen dicken Kindern unterstellt werden, sie würden sich ungesund ernähren. Oder ihnen muss unterstellt werden, sie würden keinen Sport machen.

Erklärt ein dickes Kind zum Beispiel:

Meine Eltern ernähren mich seit meiner Geburt biodynamisch lakto-vegetarisch.
Ich gehe wöchentlich schwimmen und tanze regelmäßig Tango

oder dergleichen, trifft es auf Erstaunen:

Whow, dass gerade du ... das hätte ich ja nicht gedacht!

Das dicke Kind wird dann als Ausnahme eingestuft.

Die Rede von der „Ausnahme“ bedeutet, dass diesem konkreten Kind unterstellt wurde, sich ungesund zu ernähren und keinen Sport zu treiben.

Etwas ganz anderes wäre es, etwa zu denken: „Dicke Kinder treiben im Allgemeinen keinen Sport und ernähren sich ungesund.“ Aus einem solchen Gedanken ergibt sich nicht, einem konkreten dicken Kind etwas zu unterstellen. Aus einem Gedanken wie zum Beispiel: „Kinder allein erziehender Putzfrauen spielen im Allgemeinen kein Klavier“ ergibt sich ja auch nicht unbedingt ein: „Whow, dass gerade du ...“

Das Erstaunen, dem Sport treibende und sich gesund ernährende dicke Kinder begegnen, ist eine Folge dessen, dass sie in einen Diskriminations-Topf geworfen wurden und dass die Topfzugehörigkeit in persönliche Eigenschaften dicker Kinder verwandelt wurde. Dadurch werden dicke Kinder ent-individualisiert und diejenigen, die sie diskriminieren, aus der Verantwortung entlassen.

Zwei Kinder – genauer

Das Kinderbuch „Felix Fit und der Fürst der Faulheit“ zeichnet im dicken Kind einen Menschen, dessen persönliche Eigenschaften denen des Diskriminations-Topfs entsprechen. Dem „Dick“-Topf, den der Autor aus „faul“, „böse“, „eklig“, „Computerspiel“, „krank“, „ohne eigenen Verstand“ usw. geschmolzen hat, entsprechen Verhalten und Merkmale des dicken Kindes.

Das Dicke Kind wird so beschrieben:

Das andere Kind – nämlich das genaue Gegenteil – wird so beschrieben:

Ginge es bei dem Buch lediglich darum, Kindern durch eine Abenteuergeschichte Sport und gesundes Essen nahe zu bringen, so bedürfte es keiner Hauptfigur, die dick ist. Die meisten bewegungsfaulen und verfressenen Computer-Kinder sind mittelmäßig, manche auch dünn.

Wer sich mit dem dicken Kind in der Geschichte identifiziert, ordnet sich unvermeidlich einer Art Zusammenballung des Bösen, Faulen, Ekligen etc. zu.

Das Buch vermittelt eine Weltanschauung, in der es unmöglich ist, einem Kind begreiflich zu machen, es sei zu dick, ohne sein Selbstwertgefühl zu verletzen.

Unterschiedlichkeit und Anderssein

Interessanterweise wird das Sollkind in der Kindergeschichte nicht ausdrücklich als „schlank“ markiert. Vom Text her könnte das Sollkind zunächst dick sein und das dicke Kind noch viel dicker. Weil die Diskriminierung dicker Kinder funktioniert, entstehen hinsichtlich der Schlankheit des Sollkindes aber keine Zweifel.

Ähnlich funktionieren rassistische Romane: wenn eine Roman-Figur Schwarz ist, wird es erwähnt; wenn eine Roman-Figur weiß ist, nicht. Durch die Nichtmarkierung des Weißseins wird Weißsein zur unhinterfragbaren Normalität.

Die Unterschiedlichkeit zwischen Menschen wird so in das Anderssein einer Gruppe verwandelt.

Im Kinderbuch erhält das Sollkind dadurch eine unverrückbare Position.
Wenn sich in der Kindergeschichte jemand bewegen muss, dann ist es das dicke Kind.
In gewisser Weise ist das paradox. Denn dem dicken Kind wird ja gerade unterstellt, es sei unbeweglich und faul. In Wirklichkeit aber ist das Sollkind unbeweglich und faul. Am Ende der Geschichte ist das Sollkind genau so wie es anfangs war. Es verändert sich nicht. Seiner körperlichen Mobilität entspricht ein persönlicher Stillstand.

Auf gesellschaftlicher Ebene ist die Situation ähnlich. Je flexibler die Menschen sein müssen, desto dringender benötigen sie Stabilität. Diese erhalten sie, indem sie sich an körperliche Normen angleichen. Geistige Normen zu übernehmen, genügt nicht mehr. Man braucht ein Korsett, um nicht aus den Fugen zu geraten.

Nicht zufällig beginnen Erwachsene gerade in der heutigen Zeit damit, alles so einzurichten, dass dicke Kinder nur noch glücklich sein können, indem sie dünner werden. Glückliche dicke Kinder sind für Erwachsene, die sich aus Angst und Duckmäusertum den Körpernormen unterwerfen, wie eine Ohrfeige. Glückliche dicke Kinder zerstören die Illusion vom Erwachsenen als freien Menschen, der oder die den eigenen Körper nur um des eigenen Glückes willen diszipliniert. Erwachsene hänseln dicke Kinder aus ähnlichen Gründen wie Kinder auch: sie verschaffen sich damit Selbstgewissheit und einen festen Stand in einer Welt, die sie eigentlich überfordert.

Ganz im Gegensatz zum Sollkind muss das dicke Kind im Verlauf der Geschichte völlig anders werden. In der Gut/Schlecht-Welt, die der Autor malt, bleiben dem Kind dabei nicht viele Möglichkeiten offen. Nach und nach gleicht es sich seinem genauen Gegenteil, dem Sollkind, an.

Jungen und Mädchen

Das Ende der Diskriminierung des dicken Kindes und seine Ebenbürtigkeit mit dem Sollkind beweist sich an einer Begegnung mit einem Mädchen – dem einzigen Mädchen, das in der Geschichte auftaucht. Es „plappert“ viel und ist „wunderschön“.

Sollkind und dickes Kind zeigen dem Mädchen stolz ihre Muskeln. Das Mädchen quittiert: wenn ihr bei mir seid, dann habe ich gar keine Angst mehr und gibt beiden einen Kuss.

Dickes Kind und Sollkind, zwischen denen bis zur Szene mit dem Mädchen ein Widerspruch bestand, kommen durch das Mädchen auf derselben Seite zu stehen. Gemeinsam treten sie als Jungen dem Mädchen gegenüber, das die Jungen als Ebenbürtige mit „ihr“ anspricht. Wäre das dicke Kind geblieben, wie es am Anfang der Geschichte war: es stünde mangels Muskeln bei der Begegnungsszene mit dem Mädchen im Nirgends. Darin steckt eine existentielle Drohung.

Durch die immer frühere Verkopplung von Kinderkörpern und Geschlechtsidentität werden Probleme der Körperfigur für viele Kinder zu tief greifenden Identitätskrisen.

Wenn es für Jungen von 9 Jahren nicht mehr ausreicht, macho-mäßig aufzutreten und gekleidet zu sein, um als „männlich“ durchzugehen, wenn auch noch der Körper macho sein muss, dann wird Dicksein zum Hemmnis der gesamten persönlichen Entwicklung. Dicksein bedeutet dann, niemand werden zu können. Für Identitäten quer zu den beiden offiziellen Geschlechtern wird dabei Kindern in dieser Gesellschaft der nötige Freiraum verwehrt. Es treffen hier zwei Diskriminierungen aufeinander, die zusammen ein für Kinder gefährliches Gemisch ergeben.

Mädchen werden in Felix Fit und der Fürst der Faulheit nach ähnlichem Muster diskriminiert wie dicke Kinder. Doch muss der Autor dazu nicht erst Seiten über Seiten einen Diskriminations-Topf schmelzen. Es genügt, die Worte Mädchen, plappert, wunderschön zu nennen und schon verstehen alle, weshalb die anderen beiden Kinder den Jungen herauskehren.

Ähnlich wie bei dicken Kindern könnte ohne Diskriminierung der Geschlechter eine Zusammenstellung wie Mädchen, plappern, wunderschön, Angst haben und Kuss geben eine zufällige sein. Weshalb sollte nicht ein Junge viel „plappern“, „wunderschön“ sein, Angst haben und Küsse verteilen? Oder weshalb sollte nicht das dicke Kind ein Mädchen sein? Ein Mädchen und ein Junge zeigen einem wunderschönen Jungen ihre Muskeln, um ihm die Angst zu nehmen, und der wunderschöne Junge gibt beiden einen Kuss. Weshalb nicht? Weil das genau so absurd wäre wie ein Bauer, der in die Stadt zieht, oder eine Frau, die wählen geht, oder bald auch ein dickes Kind, das glücklich ist. Ganz klar!

Natur

Zwischen der Diskriminierung von Mädchen und der Diskriminierung dicker Kinder besteht ein wesentlicher Unterschied: Mädchen dürfen und sollen Mädchen sein, dicke Kinder aber nicht dick. Das Kinderbuch erklärt diesen Unterschied auf der Basis einer speziellen Auffassung von „Natur“, die sich in Europa zusammen mit der Industrie herausgebildet hat.

Die Bekehrung des dicken Kindes zum Abnehmen ist von einem Naturerlebnis begleitet:

Eine sagenhafte Aussicht zieht die Kinder auf ihrem Weg nach Fithausen in ihren Bann, versetzt sie in andächtiges Schweigen und lässt sie Mystisches empfinden.

Folgende Szene macht in diesem Zusammenhang Dicksein als naturwidrig kenntlich: das dicke Kind muss von seinen Begleitern durch einen Felsspalt gequetscht werden, um zu seinem Naturerlebnis zu kommen. Nachdem das Kind einmal hindurchgequetscht ist, wird seine Körperfigur im Buch nicht mehr als „dick“ markiert.

Diskriminierungen mit dem geschilderten Naturbezug lassen sich in zwei Typen unterteilen:

Der erste Typ von Diskriminierung bettet die zu diskriminierende Menschengruppe so in die Natur ein, dass die Natur ihre Diskriminierung zu rechtfertigen scheint. Die jeweilige Mehrheit sagt: diese Menschen sind von Natur so und so beschaffen und müssen daher so und so behandelt werden.

Die zweite Art von Diskriminierung erklärt die zu diskriminierende Menschengruppe als naturwidrig. Damit steht die Existenzberechtigung der Betroffenen in Zweifel.

Die Diskriminierung dicker Kinder gehört zum zweiten Diskriminierungstyp. Tatsächlich verschwindet das dicke Kind im Verlauf der Geschichte von „Felix Fit und der Fürst der Faulheit“ ganz von der Bildfläche. Am Ende wird es so beschrieben:

Nichts erinnert noch an das ursprüngliche Kind. Der Rest der Welt aber, alles eben außer das dicke Kind, ist am Ende der Geschichte wieder so, wie es anfangs war. Damit geht es in der Kindergeschichte allein um die Abschaffung eines dicken Kindes. Zu diesem Zweck lässt der Autor das Kind mit dem eingangs beschriebenen Zustand in Fithausen die äußere Repräsentanz seines Wesens vernichten. Mit weniger als seiner symbolischen Vernichtung kommt das Kind nicht davon, denn sein Dicksein wurde ja zu einem umfassenden Seinszustand erklärt, damit das Kind ordentlich diskriminiert werden kann. Es ist nicht schade um das Kind, denn, so heißt es in dem Buch: Fett und faul; einfach eklig!

2011-03-08 | Impressum und Kontakt